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Friedenstüchtig

Aktualisiert: 8. Mai

Der Rat von Scheidlers Fabian:

Wir wären alle besser dran,

ständ´ friedenstüchtig  statt todessüchtig

auf unserm Plan. 


Im August 2025 ist Fabian Scheidlers Buch „Friedenstüchtig“ erschienen.  Eingangs beschreibt der Autor, wie wir im Westen, einer Kriegslogik zufolge, wiederholt auf Gewaltakte und auf Krisen mit Kriegen und kriegsähnlichen Zuständen antworten, die alles nur schlimmer machen (S.19ff). Das ist nach dem 11. September 2001 ebenso geschehen wie nach dem 24. Februar 2022 und nach dem 7. Oktober 2023. Nach dem Muster der Kriegslogik und mit „Angststrategie“ reagierte auch der französische Präsident am 16. März 2021, als er die allgemeine Mobilmachung gegen den unsichtbaren Feind, das Virus, ausrief (S.67). - Im März 2026 haben die USA und Israel den Iran angegriffen.

Scheidlers Buch hat den Untertitel: „Wie wir aufhören können, unsere Feinde selbst zu schaffen“. Aufhören und Hören auf - ich bediene mich eines deutschen Wortspiels, indem ich ergänze: Wir könnten auf die Verheißungen hören, die der biblische Schalompsalm, der Psalm 85, enthält.

Die Kriegslogik, mit deren Anwendung  wir Schluss machen können, beschreibt Scheidler  in fünf Dimensionen. Zu meiner Überraschung stelle ich fest: Im Kontrast entsprechen sie den fünf LEITWORTEN, die beide Hälften des Dekalogs verbinden, und sie eignen sich, den ersten Beitrag in www.bibellieder.de, den Liedtext, der sich auf den Schalompsalm bezieht, zu aktualisieren.


1. Wir können aufhören mit eskalierender mörderischer Gewalt. – Der Antiterrorkrieg, der auf den 11. September folgte, hat in Afghanistan „176.000 Menschenleben gekostet“, im Irak „ein Mehrfaches“ (S.47). „Während zwischen 2000 und 2015 in Europa 585 Menschen durch Terroranschläge getötet wurden, waren es in arabischen Ländern, Südasien und Afrika über 130.000.“ (S.48).

Wir könnten mitten in unserer Ratlosigkeit auf die Frage hören, die das Volksklagelied (Vers 5-8), der zweite Teil des Schalompsalms, an den Himmel richtet: Willst du uns nicht wieder beleben? (Psalm 85,7, Einheitsübersetzung), in der Übersetzung von Werner Grimm: Willst nicht Du uns das Leben noch einmal schenken? Einmal ist es doch schon geschehen, dass Du unser böses Schicksal zum Guten gewendet und uns die Schuld vergeben hast. Eingangs des Psalms (Vers 1-4) wird diese Zeitenwende für die Gemeinde des Volkes Israel in biblischer Zeit angedeutet: das Ende der babylonischen Gefangenschaft seit 536 v. C. Der Perserkönig (!) Kyros II hatte den Juden die Heimkehr nach Jerusalem erlaubt (2.Chronik 36,22ff; Esra 1,1ff). Doch die Stadt Davids war ein Trümmerfeld. Gewiss erlitten die Heimgekehrten in den folgenden Jahren wieder und wieder den Absturz aus hoch fliegender dankbarer Begeisterung in Zweifel am Sinn des Geschehens und in tiefe Verzweiflung.

Wir haben in Deutschland 1989 das Ende des kalten Krieges erlebt und die neue Einheit unseres Landes geschenkt bekommen. Hunderttausende sind auf den Straßen von Leipzig, Berlin und anderswo mit dem Ruf Keine Gewalt! erhört worden. Eine friedliche Revolution war möglich. Ausschlaggebend dafür war, dass die Sowjetunion unter Michail Gorbatschow auf Gewalt verzichtete. Wir konnten in Ost und West aufatmen, weil uns beiderseits keine Atomraketen mehr mit Vernichtung bedrohen würden. Jetzt nimmt uns Kriegsgewalt und -vorbereitung wieder den Atem. Was einmal gelungen ist, weil Menschen dazu bereit waren, kann der Himmel uns das nicht noch einmal schenken?

Wir müssten auf den Himmel hören, der uns fragt: Wollt ihr Deutschen einen Stellvertreterkrieg um die Ukraine mit unabsehbaren Folgen weiter unterstützen? Wollt ihr damit die Schuld vergessen machen, die das Naziregime seit 1941 mit dem Überfall auf die Sowjetunion auf sich geladen hat? Warum versteht ihr nicht, was Russland heute antreibt? Die Erfahrung, nach Ende des Kalten Kriegs im Westen meist nur einer „Siegermentalität“ zu begegnen! Auf Schlachtfeldern wird die Erde und ihr Leben sinnlos zerrissen, aber der Himmel ist einer für alle Menschen und für alles Leben auf der Erde. – Auf Gottes Tötungsverbot, nach jüdischer Tradition das erste und grundlegende auf der zweiten Tafel des Dekalogs, antworten wir mit der Strophe 2 in den Bibelliedern (1.1.): DU gabst uns LEBEN, Gott, wozu / denn sonst als dass wir’s schonen?


2. Wir können aufhören mit dem „Lagerdenken“. - Schwarzweiß-Logik trennt uns hier von denen dort. Selbstkritik in der eigenen Gruppe oder Großgruppe ist Verrat und wird bestraft.  Im Falle der Ukraine wurden die Warnungen westlicher Diplomaten und Politiker überhört, die roten Linien, die Russland gezogen hatte, nicht zu beachten (S. 122; 129) oder mit den rechtsradikalen Kräften in der Ukraine zu paktieren (S. 135). - Scheidler nennt Beispiele, wie unüberbrückbar scharf nach dem 7. Oktober 2023 die Grenzen gezogen wurden zwischen proisraelisch und propalästinensisch. Kulturelle Veranstaltungen, die dem Dialog hätten dienen können, wurden reihenweise abgesagt, weil die Einteilung der Beteiligten in Freund oder Feind ihn verhinderte (S. 35).

Ich will hören, was die Gottheit sagt (Vers 9, Bibel in gerechter Sprache, BigS), so beginnt der dritte Teil des Schalompsalms (Vers 9-14). Der priesterliche Prophet konzentriert sich auf die Antwort, die er denen, die über die desolate Situation klagen, weitersagen wird. Martin Buber übersetzt: Ja, er redet Frieden (Schalom) zu seinem Volk … und: „Dass zum Narrenwerk sie nimmer sich kehren!“. – Heutzutage gibt es doch wohl kein schlimmeres Narrenwerk als das Imponiergehabe beim Aufbauen immer neuer Drohkulissen. Dahinter versprechen die Mächtigen auf Erden uns Frieden - aber erst müssen wir siegen!  Woher weiß der priesterliche Prophet, der vom Psalmlied aus einem liturgischen Rahmen zitiert wird, von einem Frieden, der kein leeres Versprechen ist? Er hat ihn sich nicht im Traum einfallen lassen. Er hat sich die Friedensbotschaft vom Ende des Exils angeeignet, die in den Kapiteln 40-55 des Jesajabuchs geschrieben steht und die Zion Frieden verkündet (Jesaja 52,7). Auch wenn ihr, aus eurem Land deportiert, den Boden unter den Füßen verloren habt, der Bund meines Friedens (Schalom) wankt nicht, hat dein Erbarmer gesprochen (Jesaja 54,10). Der Friedensbund ist verkörpert in einem Menschen, der den Kreislauf der Gewalt und der Vergeltung durchbricht, denn er zerbricht das geknickte Rohr nicht und löscht den glimmenden Docht nicht aus (Jesaja 42,3). Er schont und rettet Leben. Wenn Menschen wie er zu Opfern der Gewalt geworden sind, verkörpern sie die Abkehr von der Gewalt durch die Kraft der Gnade und Vergebung. Darum kann von einem solchen Menschen gesagt werden: Die Strafe liegt auf ihm, auf dass wir Frieden (Schalom) hätten (Jesaja 53,5). Wer sind „wir“ im 6. vorchristlichen Jahrhundert? Es sind die „Könige“ (Jesaja 52,15), und, weil Israel keinen mehr hat, sind es die Könige der Völker, zumal derer, die Israel gepeinigt haben (und peinigen werden). - Könnten wir doch auch diese Friedensbotschaft vernehmen, nach welcher Zeitrechnung wir auch unsere Jahre zählen! Das würde heißen: Vernunft annehmen in der einen gemeinsamen Welt! Wir würden die Tötungsmaschinen weglegen und uns über die Grenzen hinweg die Hände reichen! (Strophe 3).

 

3. Wir können aufhören mit dem Dämonisieren. - Gegner werden zu Monstern überhöht. Scheidler zählt (S. 21) Beispiele solcher Mythologisierungen auf. Das Gleichsetzen von lebenden Politikern mit Hitler oder Stalin gehört dazu (S. 62). Sobald wir, die Guten, angefangen haben, das Böse schlechthin zu bekämpfen, können wir damit nicht mehr aufhören. Umkehr ausgeschlossen. Wir haben die Bewegungs- Freiheit, verloren, die wir angeblich verteidigen. Was hilft Politikern, denen das Wahlvolk davonläuft, weil es bergab geht? Es „schart sich hinter ihnen“, wenn ihm Angst gemacht wird vor der „Bedrohung durch einen monströsen Feind“ (S. 161).

Wir könnten auf den Psalm hören: Ja! Nahe ist Sein Befreien denen, die Gott ergeben sind (Psalm 85,10, BigS). Aber wer ist Gott? Gott befreit von dem Zwang, dass Freund und Feind sich in das Ziel des Todes ganz verrennen (Strophe 4). Meines Erachtens kann sich „Gott“ verstecken hinter einem „gemeinsamen Interesse zu überleben“, es führte „hartgesottene Realpolitiker von beiden Seiten des Eisernen Vorhangs“ zur „Entspannungspolitik der 1970er Jahre“ (S. 156). Als wenn es für die Bündnis-Freiheit die dritte Alternative, Neutralität zwischen Ost und West, nicht gäbe, verlieren heute hunderttausende Soldaten ihr Leben. 


4. Wir können aufhören mit dem Ausblenden der Vorgeschichte und der tieferen Ursachen eines Konfliktes. -  Scheidler nennt das die vierte Dimension der Kriegslogik (S. 23). Auf dem Hintergrund des aktuellen Kriegs gegen den Iran ist der Rückblick auf das Jahr 1953 besonders beschämend.  Wegen Verstaatlichung der Ölindustrie wurde die gewählte Regierung mit Hilfe westlicher Geheimdienste gestürzt. Seit der Islamischen Revolution ist der Iran einer der „meistbekämpften geopolitischen Feinde des Westens“ (S. 118). „Es hätte genügt, nicht alles haben zu wollen“.

Mit dem Islam lebt das Christentum in seinen heiligen Schriften vom jüdischen Erbe, deshalb könnten Christen mit Muslimen auf die jüdische Hoffnung hören, die der nächste Psalmvers ausspricht: Güte und Treue, anders übersetzt: Freundlichkeit und Verlässlichkeit treffen aufeinander (Vers 11 BigS). Das hebräische Wort (emet) bedeutet sowohl Treue als auch WAHRHEIT. Dass zwei Ideale sich wie Personen begegnen, ist poetisch leicht gesagt. Dass Personen sich diesen Idealen entsprechend verhalten, ist schwer getan. Wir könnten darauf hören, was die Gegenseite für eine Geschichte zu erzählen hat. Wenn wir feststellen, dass sie etwas mit unserem eigenen Verhalten zu tun hat, müssten wir ehrlich Rede und Antwort stehen. Wir würden uns beim Wort nehmen lassen, zum Beispiel bei dem Versprechen, dass die NATO nach der Vereinigung Deutschlands nicht nach Osten erweitert wird. (Hat Michail Gorbatschow dieses Versprechen später einen Mythos genannt? Warum? Hat ihn sein Fehler, es sich nicht vertraglich absichern zu lassen, belastet?). Im November 1990 eröffnete die Konferenz für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa (KSZE) mit der „Charta von Paris“ die Aussicht auf dauerhaften Frieden zwischen Ost und West (S. 125f). - Die Wahrheit, die uns schuldig spricht, lass sie uns nicht entstellen, die Gnade mitten im Gericht nicht um Vertrauen prellen (Strophe 5). Auch wenn wir im Vorletzten nicht schuldig sind am Krieg, sind wir im Letzten, vor Gottes Gebot, Antworten schuldig, das  heißt ver-antwortlich.


5. Wir können aufhören mit dem „Opferkult“ (S.24). - Im weiteren Sinn gebraucht Scheidler den Begriff im Blick auf die Geschichte der Kriege, eine Geschichte der Opferungen (S. 68) und aktuell auf Rüstung und Rüstungsindustrie, die auf Kosten der sozialen Gerechtigkeit und der ökologischen Transformation boomen. Er zitiert die Financial Times vom März 2025: „Europa muss seinen Wohlfahrtsstaat zurückstutzen, um einen Kriegsstaat aufzubauen.“ (S. 24). 2026  meldet  das Friedensforschungs-Institut Sipri: Die Rüstungsausgaben sind  über zehn Jahre weltweit um 41% auf 2,9 Billionen US-Dollar gewachsen. - Rüstungsfirmen sind in den letzten Jahren in Deutschland wie Pilze aus dem Boden geschossen. Wie viele Menschenleben werden dafür aufs Spiel gesetzt?    

Wir können hören auf den Psalmspruch: Verlässlichkeit (WAHRHEIT) wird aus der Erde sprießen, GERECHTIGKEIT  vom Himmel herabschauen (Psalm 85,12).  Himmel und Erde sind auch in unserem neuzeitlichen Weltbild keine feindlichen Gegensätze, sondern einander ergänzende Teile eines Ganzen. Ebenso ergänzen sich Ost und West friedlich - wie Abend und Morgen sich zu einem Tag ergänzen (1.Mose 1,5). Wir können an die Größen Yin und Yang aus altchinesischer Weisheit denken. Oder in der Bibel an den Segensspruch Jakobs für Josef, der das Obere und das Untere, die Mächte des Väterlichen und Mütterlichen miteinander verbindet (1.Mose 49,25). Davor könnten die feindlich aufgeladenen politischen Begriffe der Osten und der Westen ihren Schrecken verlieren. Wenn Verlässlichkeit von Sicherheits- und Handelsverträgen von unten der sozialen Gerechtigkeit von oben entgegensprießt, müssten unten keine Abwehrkanonen den Drohnenangriffen von oben mehr entgegengestellt werden. Sie wären einfach überflüssig. Das Leben von Männern und Frauen, Brüdern und Schwestern, Söhnen und Töchtern wäre gerettet. Der Opferkult wäre beendet. –

Zuletzt  erinnert mich dieses Wort im religionsgeschichtlichen Kontext an das Ende des Tempeldienstes in Jerusalem im Jahr 70 n. Auf ihn reagierte das Matthäusevangelium (ebenso wie Rabbi Jochanan) mit Gottes Spruch aus dem Buch des Propheten Hosea: Barmherzigkeit will ICH und nicht Opfer… (Hosea 6,6 L, Matthäus 9,13 und 12,7). Ähnlich lautet der Gottesspruch beim Propheten Amos: An euren Opfern habe ich kein Gefallen …es ströme aber die Gerechtigkeit wie ein nie versiegender Bach (Amos 5,22.24). Friede und Gerechtigkeit küssen sich (Psalm 85,11b), sie grüßen sich im Gang der Gotteszeiten (Strophe 6). - Liebe und Gerechtigkeit sind der Wille Gottes, nach dem wir gemeinsam erneut aus Schuld und Schicksal dieser Zeit  fragen, - Strophe 1 des Liedes, das nach der Melodie Johann Walters von 1561 gesungen wird (zu Wach auf, wach auf, du unser Land, EG 145). Dankbare Lieder sind Weihrauch und Widder, meint Paul Gerhardt zum Thema Opferkult (Str. 3 von Die güldne Sonne, 1666, EG 449 und 446,5).

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